Todesstunde

I

es ist dunkel

verdunkelt ist die Sonne

verborgen unter dem Blut dessen

der kam

mit der Botschaft Liebe

gefesselt der Mond

wie in Schmerzen gekrümmt

die Sterne selbst wenden ihr Licht ab

Gottesfinsternis

die Schöpfung schweigt

lautlose Antwort auf diesen Tod

den Tod des

einzigen Sohnes

jenes Mannes

der sagte

ich bin das Licht der Welt

nun erloschen

der sagte

ich bin der Weg, die Wahrheit – und

das Leben

er ist tot

zwischen Sprachlosigkeit, Entsetzen

Scham und Zorn

wird laut

das Schweigen

allen Seins

II

es ist die neunte Stunde

drei Uhr

es ist die Zeit

die stehenbleibt

die zeitlos wird

weil diese Augenblicke

die keiner fassen kann

selbst die Mörder nicht

weil diese Sekunden, Minuten, Stunden

einmünden in

die Ewigkeit

 

vergangen ist die Zeit

gewiss, sie kehrt zurück

wir messen sie auf unsren Uhren

im Sonnengang, im Tageslauf

und Jahreswechsel

in unseren Gesichtern wohl

im Miteinander unsrer Tage

doch ist all diese Zeit

ist jeder Wimpernschlag

jedes Lachen, jeder Schrei

aufgehoben in

seiner Ewigkeit

III

ist er Opfer

ist er Sieger

gleichviel

mehr aber

was selbst seine Todfeinde nun

erkennen, bekennen

dieser ist Gottes Sohn gewesen


und keiner kann

den Segen ihm

aus seinen Händen nehmen

 

und hinten, weit, am Horizont

und nur für den zu schaun

der übers Kreuz hinaussehn kann

erscheint das Licht des dritten Tages

Bernhard Bergmann

Bildmotiv: Kirchenfenster von Bruno Müller-Linow (1909-1997) aus der evangelischen Kirche in Gammelsbach