Pfarrerin Anneke Peereboom

Gedanken
zum Barbaratag (4. Dezember)

Kennen Sie die alte Bauernregel: „Knospen an St. Barbara, sind zum Christfest Blüten da“?

Dahinter verbirgt sich der hübsche, schon im Mittelalter nachgewiesene Brauch, am 4. Dezember sogenannte „Barbarazweige“ in die Wohnung zu stellen. Das sind ganz normale Zweige von Obstbäumen (Apfel, Kirsche, Pflaume in manchen Regionen auch Holunder), die jetzt Anfang Dezember eigentlich recht unattraktiv ausschauen. Am Weihnachtstag aber erwachen sie durch die Wärme im Haus auf wundersame Weise zum Leben und bringen mit ihren zarten rosa oder weißen Blüten Farbe in die dunkle Winterzeit. Ein sanftes Versprechen von neu erwachendem Leben, mitten in die klirrende Kälte und Dunkelheit hinein.

Barbara aus Nikomedia, derer die Kirche am 4. Dezember gedenkt und die so zur Namensgeberin der Barbarabaum-Tradition wurde, hatte selbst leider alles andere als ein rosiges Leben. Die alten Heiligenlegenden schildern sie als sehr schöne und kluge Jungfrau, die jedoch vehement ihre zahlreichen Verehrer zurückwies. Ihr Herz schlug nämlich für etwas ganz und gar Verbotenes: Den Glauben an Jesus Christus. Damals im 3. Jahrhundert war es eine heikle Angelegenheit, sich öffentlich zum Christentum zu bekennen. ChristInnen wurden verfolgt und oft genug für ihren Glauben getötet. Barbaras Vater Dioscurus, ein einflussreicher Mann im römischen Kaiserreich, fürchtete also nicht ohne Grund um seine Tochter, als diese offen mit einer Gruppe junger ChristInnen zu sympathisieren begann. Der Legende nach sperrte er sie in eine Art Rapunzelturm, um sie vor der neuen Religion abzuschotten. Auf dem Weg in ihr Gefängnis soll sich ein Zweig in ihrem Kleid verfangen haben. Sie wässerte ihn und er blühte in ihrer Zelle auf – so die Verbindung zu unserer Barbarazweig-Tradition. Auch sonst setzte die junge Frau trotzige Zeichen der Hoffnung. Man erzählt sich, sie habe dem Turm ein drittes Fenster hinzugefügt, um so auf die Dreifaltigkeit Gottes als Vater, Sohn und Heiliger Geist hinzuweisen. Dem eigenen Vater bot sie – sicherlich zu ihrer Zeit ausgesprochen ungewöhnlich – entschlossen die Stirn und ließ sich noch unter widrigsten Umständen taufen. Diese Entscheidung besiegelte ihr Schicksal: Barbara wurde auf grausamste Weise gefoltert. Doch ganz gleich was sie auch erlitt, sie weigerte sich, ihrem Glauben abzuschwören. Ihr eigener Vater soll sie am Ende aus Frust über ihre Unnachgiebigkeit enthauptet haben. Barbara starb im Jahr 306 n. Chr. den Märtyrerinnentod für ihren Glauben und wurde später von der Kirche zur Heiligen erklärt.

„Märtyrerin“ – dieser Begriff stammt vom griechischen Wort μάρτυς („Zeuge“ bzw. Zeugin) und will deutlich machen, dass ein Mensch nicht nur aktiv durch Worte oder gute Taten, sondern auch passiv im Leiden ein machtvolles Zeugnis für den Glauben ablegen kann. Er oder sie bezeugt die Macht der frohen Botschaft von Gottes Liebe, indem er sich jenseits von Angst durch diese Welt bewegt; glaubend und vertrauend, dass Gott sie und alles andere, was uns hier bedrängen mag, für uns schon überwunden hat. Er hat uns den Weg frei gemacht – wir müssen ihm nur nachgehen. Das ist die Idee. So verstand und interpretierte man in der Alten Kirche Schicksale wie das der jungen Barbara aus Nikomedia. 

Was aber fangen wir heute damit an? Was hat das mit uns zu tun? Auf den ersten Blick ja herzlich wenig. Sie schmeckt im ersten Wahrnehmen zu sehr nach religiösem Fundamentalismus, nach Gewalt, Blut, Heldentod und Selbstaufopferung. Davon habe ich in den Geschichtsbüchern und den Nachrichten schon mehr als genug gesehen. Das macht mich skeptisch. Ich richte meine Blicke viel lieber auf das Lebensbejahende und Schöne im Glauben: Auf Gottes bedingungslose Liebe zu uns, wie sie in Christus offenbar wurde; auf die Erhabenheit der Schöpfung und auf die großen Visionen von Freiheit und Gerechtigkeit für alle. Ich bin ganz bei Barbara, wenn es um die schönen symbolträchtigen Kirschblüten zu Weihnachten geht, aber ansonsten ist sie mir fremd und fern. Zum Glück, vielleicht. Mich guckt man höchstens mal verständnislos an, wenn ich erzähle, dass ich Christin bin. Zumindest in unserem noch immer recht toleranten Land ist das so. Ich bin frei, Christin zu sein. Und das ist gut so. Aber ich glaube, das ist nicht alles. 

Trotzdem sollten wir alle vielleicht auch nicht zu leichtfertig darüber hingehen, dass der Advent im Kirchenjahr als Passionszeit und damit als Leidenszeit gilt (die lilafarbenen Paramenttücher auf unseren Altären erzählen noch davon). Nicht wenige der Bibeltexte, die für diese Wochen vorgeschlagen sind, erzählen noch davon – von Endzeit- und Weltuntergangsszenarien, von Angst und Schrecken. In die Gottverlassenheit ihres Geschicks, ihres Verlusts und ihres Leides hinein rufen Menschen in diesen Texten nach Gottes Macht, die alles verändern wird – und machen so deutlich, dass Gott sie eben nicht verlassen hat. Und bezeugen sich selbst, Gott und der Welt, dass sie mit diesem Gott an ihrer Seite keine Angst zu haben brauchen. Vor nichts und niemandem.

Viele Menschen aber haben Angst. Wohin ich auch blicke, sehe ich Menschen in Angst. Vor der Klimakrise, vor Überfremdung, vor Terror und Extremismus, vor Globalisierung und dem Corona-Virus, Angst davor, dass andere es besser hinbekommen als man selbst, vor Beziehungen und Bindungen aber eben auch vor der Einsamkeit, vor Verlust, vor Krankheit; letztlich Angst vor der Zukunft, vor dem Leben und vor dem Tod. In vielfältigen Facetten, manchmal gut getarnt, aber immer zerstörerisch kommt sie daher. Eine Angst, die Menschen gefangen hält – so wie Barbara in ihrem Turm. 

 

Gibt es auch für uns einen Glauben, der uns da hindurchträgt? Gibt Gott uns und den Menschen unserer Zeit Halt im Leben und Leiden, das so ganz anders ist als das der Barbara, aber ebenso reell? Viele Menschen heute scheinen mir eher an ihrem Glauben zu leiden als für ihren Glauben. Sie haben ihn verloren oder nie gehabt, sie richten ihr Augenmerk eher auf ihre Kritik, ihre Zweifel und Fragezeichen als auf die Momente, in denen sie tatsächlich etwas von Gott gespürt haben. Und das haben interessanterweise eigentlich die meisten. Sie trauen ihm nur nicht. Und sie trauen Gott nicht genug zu. Nicht angesichts des Leids. 

 

Vielleicht war Gott kein fester Bestandteil ihrer Lebensreise, ihres Alltags, vielleicht war er ein Festtags-Hochzeits- und Weihnachtsgott – einer für die seltenen Hoch-Zeiten im Leben eben. Vielleicht auch der Notnagel, wenn schon alles zu spät war. Das Wort „Leiden“ – ich habe es überrascht im etymologischen Wörterbuch nachgeschlagen – das kommt aus dem althochdeutschen „lidan“ oder auch „irlidan“. Was soviel bedeutet wie: „erfahren“, „durchmachen“ oder auch „reisen“. Ich glaube, darin liegt das Geheimnis. Dass Leiden kein Schicksal ist, sondern eine Reise. Dass man mit Gott durchs Leben gereist ist, dass man erfahren hat, wie er diese Reise verändert, dass man mit ihm gemeinsam Dinge durchlebt und durchmacht, im Exil, im Gefängnis, auf der Krankenstation, in der Schulklasse. Denn dann ist man gewiss, dass man nicht allein ist. Nicht wenige Christen gehören zu den mutigsten und tapfersten Menschen, die ich kenne. Menschen ohne Angst. Fragen Sie sich ruhig mal, warum das so ist! Fragen Sie sich, warum Menschen, die Gott berührt hat, nicht verzweifeln, sondern leidenschaftlich durchs Leben gehen.

 

 

Das Leid – zu englisch: „passion“ – umfasst ja auch – im Englischen wird das ja unmittelbar deutlich – die Leidenschaft. Passion. Wer eine Passion hat für Gott, wer leidenschaftlich glaubt, dem kann das Leid dieser Welt wenig anhaben. Barbara hatte so eine Passion – keinen folkloristischen Blümchenglauben. Sie hat mit ihrem Leben und Sterben Zeugnis dafür abgelegt, dass der, der an Christus glaubt, keine Macht auf Erden mehr zu fürchten braucht.

 „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel, noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn,“ schreibt Paulus voller Leidenschaft im Römerbrief (Röm 8,38f.)

Wer das glauben kann, wer das auch angesichts des Leidens noch glauben kann, der braucht keine Angst zu haben. Der kann und darf und soll sich freuen. Darauf, dass einer kommt, der mächtiger ist als alles, was wir fürchten.

Pfarrerin Dr. Anneke Peereboom