Online-Adventskalender

21.12.2020

MITTEN IM KALTEN WINTER…

Liebe Leserin, lieber Leser,

vor etwa 500 Jahren, so erzählt es eine Legende, entdeckt ein Mönch im verschneiten Garten seines Klosters in Trier eine wunderschön erblühte Rose. Mitten im kalten Winter. Ein Wunder!

Ein bekanntes Weihnachtslied, dessen älteste Strophen im 16. Jahrhundert in Trier getextet wurden, besingt dieses Unglaubliche: „Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart…mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht.“

Ob wir dieses Lied und andere bekannte Weihnachtslieder in der nächsten Woche miteinander singen werden? Eher unwahrscheinlich. Vielleicht aber singt jemand für uns an Heiligabend draußen oder in einer Kirche oder am Bildschirm.

Das Bild von der Rose im Schnee hat es in sich. Seine Wurzeln reichen weit zurück. Bis zum Propheten Jesaja. Etwa 700 Jahre vor Christi Geburt hat dieser ein ähnliches Bild vor Augen gesehen. Alles scheint verloren. Das politische Königreich, das auf David zurückgeht, ist am Ende. Das Volk Gottes wie ein abgeschlagener Baumstumpf. Da, mitten in dunkelster Nacht, sieht der Prophet etwas, das andere noch nicht sehen: „Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.“

Ein Reis, ein zarter kleiner grüner Zweig. Zeichen für Leben und Zukunft, wo alles erstorben erscheint. Der Seher Jesaja dachte bei dem Bild an den Erlöser, den Messias. In der christlichen Tradition wird Christus als Sprössling am scheinbar toten Baum, in dem er wurzelt, angesehen. Aus dem Reis ist später dann eine Rose geworden. „Es ist ein Ros entsprungen“ bedeutet: Es ist Hoffnung gewachsen, da, wo nichts mehr zu erwarten war.

 

Wo nichts mehr zu erwarten ist, ist es Nacht. Dieser Winter des Jahres 2020 wird von manchen von uns als besonders kalt erlebt. Und das nicht wegen der Temperaturen. Abstand halten, selbst an Weihnachten. Für einige ist nichts mehr wie es war nach den vergangenen Monaten, in der Schule, am Ausbildungsplatz, beim Studium. Manche wissen nicht, wie es beruflich, finanziell im neuen Jahr weitergeht.

Und auch ohne Corona kannten wir das schon: Ein kalter Winter in der Partnerschaft, in der Familie lässt uns frieren. Manche Krankheit lässt alle Freude erstarren, legt Lebendigkeit auf Eis. Was gestern noch sicher war, trägt nicht mehr. Im kalten Winter fühlt man sich allein. Da erfrieren Träume.

In diesem Jahr klingt es für mich anders, dieses Weihnachtslied von der Rose im Schnee. Und in diesem Jahr fallen mir die Schnee-Rosen in Blumenläden oder Gärten ganz besonders auf. Die weiße Rose, die jetzt blüht, sie wird ja auch „Christ-Rose“ genannt. Sie steht für das Friedens-Kind in der Krippe. Und sie steht für dessen ganz besondere Widerstandskraft. Die „Winter-Rose“, erinnert mich daran, dass auch ich mit dieser Kraft verbunden bin. Und andere auch.

Und so will ich glauben, dass noch viel aufblühen wird in den kommenden Monaten, dass wir noch staunen werden, dass wir miteinander erfinderisch bleiben. Und dass trotz aller Nacht, „mitten im kalten Winter“ immer wieder auch ein Aufblühen geschieht.

Ich wünsche Ihnen gesegnete Advents- und Weihnachtstage in diesem besonderen Jahr –

 

Marion Rink, Pfarrerin im Kloster Höchst

Pfarrerin Marion Rink